Evas Auge by Karin Fossum

Evas Auge by Karin Fossum

Author:Karin Fossum [Fossum, Karin]
Language: deu
Format: epub
Tags: Contemporary, Roman
ISBN: 3492227058
Publisher: TUX
Published: 2009-12-14T21:00:00+00:00


Sie biß sich verwirrt auf die Lippe.

»Äh«, sagte Sie plötzlich. »Woher haben Sie gewußt, daß ich bei Maja war?«

Er schob die Hand in die Jackentasche und zog ein Büchlein mit rotem Ledereinband hervor.

»Majas Terminkalender. Hier steht, am 30. September: Beim Einkaufen Eva getroffen. Mit ihr im Hannas gegessen. Und ganz hinten standen Ihr Name und Ihre Adresse.«

Wie einfach, dachte Eva.

»Bleiben Sie nur sitzen«, sagte Sejer. »Ich finde schon hinaus.« Eva ließ sich wieder in den Sessel fallen. Sie war restlos erschöpft, sie faltete so hart auf ihrem Schoß die Hände, daß ihre Wunde wieder zu bluten begann. Sejer ging durch das Zimmer und blieb plötzlich vor einem ihrer Bilder stehen. Er legte den Kopf schräg und drehte sich wieder um.

»Was soll das darstellen?«

Eva wand sich.

»Ich erkläre meine Bilder eigentlich nie.«

»Nein, das kann ich verstehen. Aber das hier«, er zeigte auf einen Turm, der aus der Dunkelheit aufragte, »das erinnert mich an eine Kirche. Und das, dieses kleine Graue im Hintergrund, das könnte ein Grabstein sein. Oben ein bißchen gerundet. Weit weg von der Kirche, aber man kann doch sehen, daß sie zusammengehören. Ein Friedhof«, sagte er einfach. »Mit einem einzigen Grabstein. Wer ist hier begraben?«

Eva starrte ihn erstaunt an. »Ich selber, nehme ich an.«

Sejer ging weiter. »Das ist das beeindruckendste Bild, das ich je gesehen habe«, sagte er.

Als die Tür ins Schloß fiel, dachte sie, daß sich ein paar Tränen gut gemacht hätten, aber dafür war es jetzt zu spät. Sie saß mit den Händen im Schoß da und hörte der Waschmaschine zu, die jetzt beim Schleudern angekommen war, sie drehte sich immer schneller und ließ ein bedrohliches Grummeln hören.

---

Eva schüttelte die Panik ab und steigerte sich in wilden Zorn hinein. Es war ein fremdes Gefühl, sie war noch nie zornig gewesen, nur verzweifelt. Sie hatte die Handtasche vom Tisch geholt, sie geöffnet, umgedreht und die Banknoten herausfallen lassen. Es waren vor allem Hunderter, aber auch einige Fünfziger und ein Stapel Tausender. Eva zählte und zählte, mochte ihren Augen kaum trauen. Über sechzigtausend. Taschengeld, hatte Maja gesagt. Eva sortierte das Geld in ordentliche Stapel und schüttelte den Kopf. Von sechzigtausend konnte sie eine halbe Ewigkeit leben, zumindest aber ein halbes Jahr. Und niemand würde dieses Geld vermissen. Niemand wußte schließlich davon. Wo wäre es sonst gelandet, überlegte Eva, beim Staat? Sie hatte das seltsame Gefühl, das Geld verdient zu haben. Daß es ihr gehörte. Sie legte die Stapel aufeinander, nahm sich ein Gummi und wickelte es darum. Es quälte sie nicht mehr, daß sie dieses Geld genommen hatte. Es müßte sie eigentlich quälen, sie begriff nicht so recht, warum das nicht der Fall war, sie hatte in ihrem Leben noch nie etwas gestohlen, abgesehen von den Pflaumen von Frau Skollenberg. Aber wozu sollte das Geld in Majas Wohnung herumliegen, in Schüsseln und in Vasen, wenn Eva es so dringend brauchte? Nach kurzem Nachdenken ging sie in den Keller. Suchte dort unten eine Weile und fand schließlich einen leeren Farbeimer, der innen trocken war. Lindgrün, halbmatt. Sie legte das Geld in den Eimer, drückte den Deckel darauf und schob ihn unter eine Bank.



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